Im Januar 2026 stellt Anthropic ein neues Feature vor. Nicht auf einer Bühne, nicht mit einem Countdown. In einem Blogpost, drei Absätze lang. Das Feature heißt Cowork. Innerhalb von zwei Wochen fallen die Aktienkurse von Legal-Tech-Firmen. Nicht weil Cowork perfekt ist. Sondern weil klar wird, was Anthropic tut: ein einziges Produkt in jede Ecke der Wissensarbeit schieben.

Das Produkt heißt Claude. Und es gibt nur Claude. Kein zweites Modell, keine Tochterfirma, keine Plattform-Zukäufe. Alles, was Anthropic baut, ist eine neue Oberfläche für dieselbe Intelligenz. Das klingt simpel. In der Praxis ist es die aggressivste Produktstrategie im KI-Markt 2026.

Die Modelle dahinter

Drei Modellreihen bilden das Fundament. Opus 4.6 steht an der Spitze — seit Februar 2026 das leistungsstärkste Modell, das Anthropic je gebaut hat. Eine Million Token Kontextfenster, Multi-Step-Reasoning über Stunden, Spitzenplatz auf dem Finance Agent Benchmark. Dahinter Sonnet 4.6, das schnellere, günstigere Modell, das in den meisten Alltagsaufgaben fast an Opus heranreicht. Und Haiku 4.5 für Anwendungen, bei denen Geschwindigkeit und Kosten wichtiger sind als maximale Tiefe.

Die Modelle sind identisch, egal wo man sie nutzt. Dasselbe Opus in der Web-App, im Terminal, in Excel, über die API. Keine unterschiedlichen Versionen, keine abgespeckten Varianten. Das ist ungewöhnlich — die meisten Konkurrenten bieten verschiedene Modelle für verschiedene Oberflächen.

Kernerkenntnis

Anthropic verkauft kein Tool. Anthropic verkauft Zugang zu einer Intelligenz — und baut verschiedene Fenster, durch die man sie erreicht.

claude.ai — der Einstiegspunkt

Die Web-App unter claude.ai ist das, womit die meisten starten. Chat-Interface, Dateiupload, Websuche, Bilderzeugung, Code-Ausführung. Klingt wie ChatGPT. Funktioniert ähnlich. Aber Anthropic hat zwei Dinge anders gemacht: Erstens sind Claude-Produkte werbefrei — eine bewusste Entscheidung, die Anthropic im Februar 2026 öffentlich begründet hat. Zweitens gibt es Projects und Memory, die Kontext über Sitzungen hinweg speichern.

Der Free-Tier reicht für gelegentliches Ausprobieren. Wer ernsthaft arbeitet, braucht Pro für 20 Dollar im Monat. Wer intensiv arbeitet — lange Coding-Sessions, große Dokumente, Cowork — braucht Max für 100 oder 200 Dollar.

Claude Desktop — das Betriebssystem-Layer

Die Desktop-App existiert für macOS und seit Februar 2026 auch für Windows. Drei Tabs: Chat, Cowork, Code. Der Chat ist identisch mit der Web-Version. Aber die anderen beiden Tabs verändern die Logik komplett.

Cowork ist der Tab, der Legal-Tech-Aktien crashen ließ. Statt auf Prompts zu antworten, arbeitet Claude hier autonom. Du definierst ein Ziel — „Erstelle aus diesen 40 Meeting-Notizen einen Quartalsreport" — und gehst weg. Claude plant, bricht die Aufgabe in Schritte, greift auf deine lokalen Dateien zu, koordiniert parallele Workstreams und liefert fertige Dokumente ab. Das ist kein Chat mehr. Das ist ein Mitarbeiter, der deinen Ordner kennt.

Plugins erweitern das System. Anthropic hat im Januar 2026 elf Open-Source-Plugins veröffentlicht — Sales, Legal, Finance, HR, Engineering, Operations. Jedes Plugin bündelt Skills, Connectors und Sub-Agents in ein Paket. PwC hat eine Kooperation angekündigt, um Cowork-Plugins für regulierte Branchen zu bauen. Enterprise-Kunden können private Plugin-Marktplätze betreiben.

Der Code-Tab öffnet Claude Code direkt in der Desktop-App — dasselbe Tool, das Entwickler aus dem Terminal kennen, aber mit grafischer Oberfläche.

Claude Code — das Terminal-Tool

Claude Code ist ein CLI-basiertes Coding-Tool, das direkt im Terminal läuft. Kein Plugin für eine IDE, kein Copilot-Overlay. Ein eigenständiger Agent, der Repositories klont, Code schreibt, Tests ausführt, Git-Commits macht und Deployments triggert. Anthropic nutzt Claude Code intern für etwa 60 Prozent der eigenen Arbeit. Das Team liefert 60 bis 100 interne Releases pro Tag.

Claude Code arbeitet mit dem vollen Kontextfenster des gewählten Modells. Bei Opus 4.6 sind das eine Million Token — genug, um eine komplette Codebasis in einem Durchgang zu verarbeiten. Extensions existieren für VS Code und JetBrains. Seit Februar 2026 gibt es auch Claude Code Security, das Sicherheitslücken in Codebases findet — mit einer False-Positive-Rate unter fünf Prozent, deutlich besser als klassische Pattern-Scanner.

Claude in Chrome — der Browser-Agent

Die Chrome-Extension verwandelt Claude von einem Chat-Tool in einen Browser-Agenten. Claude sieht, was du siehst. Es kann Tabs lesen, Formulare ausfüllen, zwischen Seiten navigieren und Workflows aufzeichnen. In der Side-Panel-Ansicht läuft Claude neben dem normalen Browsing.

Die Integration mit Cowork macht das System mächtig: Chrome recherchiert, Cowork produziert. Du sagst „Vergleiche die Preise dieser drei SaaS-Tools und erstelle eine PowerPoint" — Chrome navigiert die Pricing-Seiten, Cowork baut die Präsentation. Ohne Copy-Paste, ohne Tab-Wechsel.

Geplante Tasks laufen täglich, wöchentlich oder monatlich automatisch. Workflow-Recording lernt von deinen Klicks. Allerdings: Pro-User sind auf Haiku 4.5 beschränkt — wer Opus-Qualität im Browser will, braucht Max.

Claude für Excel und PowerPoint

Seit März 2026 arbeitet Claude als Add-in direkt in Excel und PowerPoint. Nicht als separates Tool, das Ergebnisse in die App kopiert — sondern nativ: Pivot-Tabellen erstellen, bedingte Formatierung anwenden, Diagramme bauen, Folien generieren. Der Kontext wird zwischen beiden Apps geteilt. Eine Analyse in Excel fließt nahtlos in eine Präsentation in PowerPoint.

Für Unternehmen, die im Microsoft-Ökosystem arbeiten, ist das ein direkter Angriff auf Copilot. Der Unterschied: Claude nutzt dasselbe Modell wie überall sonst — kein abgespecktes Modell für Office-Integration.

Die API und das Developer-Ökosystem

Für Entwickler, die Claude in eigene Produkte einbauen wollen, gibt es die API. Pay-per-Token, drei Modellreihen, Web Search und Code Execution als Tools. Structured Outputs für zuverlässiges JSON. Prompt Caching spart bis zu 90 Prozent bei Input-Kosten für wiederkehrende Kontexte. Batch-API halbiert die Kosten für nicht-zeitkritische Aufgaben.

Das Model Context Protocol (MCP) ist Anthropics offener Standard, um Claude mit externen Datenquellen zu verbinden. Slack, Notion, Figma, Google Workspace, Salesforce, Jira — über 50 Connectors existieren bereits. MCP ist Open Source. Das heißt: Andere KI-Firmen können den Standard nutzen. Einige tun es bereits.

Wo läuft was — die Verfügbarkeitsmatrix

Jedes Claude-Tool hat seine eigenen Oberflächen. Manche laufen überall, manche nur auf dem Desktop, manche nur im Terminal. Und seit März 2026 gibt es einen neuen Weg, wie Handy und Desktop zusammenarbeiten: Dispatch.

Tool
Web
Desktop
CLI
Mobil
Browser
Claude Chat
Claude Code
Channels
Cowork
Dispatch
Chrome Agent
Excel / PPTX
API
Nativ Über Connector Remote-Steuerung Nicht verfügbar

Das Muster ist klar: Chat läuft überall. Die mächtigen Agenten — Cowork und Code — laufen auf dem Desktop oder im Terminal. Und mobil? Mobil steuert man sie fern.

Dispatch — der Fernzugriff, der alles verbindet

Seit dem 17. März 2026 gibt es Dispatch als Research Preview. Die Idee: Du startest eine Cowork-Session auf deinem Desktop, scannst einen QR-Code mit der Claude-App auf dem Handy, und ab diesem Moment hast du eine persistente Verbindung. Du schickst Aufgaben vom Sofa, aus der Bahn, vom Café. Dein Desktop führt sie aus — greift auf deine lokalen Dateien zu, nutzt die Connectors, produziert Ergebnisse. Du kommst zurück, die Arbeit ist fertig.

Für Entwickler existiert das Pendant: Claude Code Channels. Dasselbe Prinzip, aber statt der Claude-App über Telegram oder Discord. Du verbindest einen Bot mit deiner aktiven Claude-Code-Session und kannst Coding-Aufgaben remote steuern, Logs checken, Ergebnisse abrufen.

Wichtig zu verstehen

Dispatch ist kein Cloud-Computing. Dein Desktop muss an sein, der Deckel offen, die App aktiv. Geht der Rechner in den Ruhezustand, stoppt alles. Das Handy ist die Fernbedienung — der Desktop ist die Maschine. Sicherheitsvorteil: Keine Daten verlassen deinen Rechner. Kein Always-On-Server, keine zusätzliche Angriffsfläche.

In der Praxis funktioniert Dispatch am besten bei klar definierten Aufgaben: Dateien finden und zusammenfassen, Daten aus Spreadsheets ziehen, Reports kompilieren. Komplexe Interaktionen mit Apps oder kreative Aufgaben sind noch unzuverlässig — MacStories berichtet von einer Erfolgsquote um die 50 Prozent. Das ist ehrlich für eine Research Preview. Und es wird besser.

Was das kostet

Die Preisstruktur ist schichtförmig. Free für den Einstieg. Pro für 20 Dollar — fünfmal mehr Kapazität, Zugang zu allen Modellen, Claude Code und Cowork inklusive. Max für 100 Dollar (5x Pro) oder 200 Dollar (20x Pro) — für Vielnutzer, die nie an Limits stoßen wollen. Team ab 25 Dollar pro Seat für Unternehmen. Enterprise auf Anfrage.

Verglichen mit der Konkurrenz: ChatGPT Plus kostet ebenfalls 20 Dollar, bietet aber kein Terminal-Coding-Tool im Preis. Copilot kostet separat. Google Gemini Advanced liegt bei 20 Dollar, ohne vergleichbares Agenten-Ökosystem. Anthropics Strategie, alles in einen Preis zu packen, ist aggressiv — und für Nutzer, die mehr als chatten wollen, aktuell das stärkste Angebot.

Die Strategie dahinter

Was Anthropic tut, ist kein Zufall. Jedes neue Produkt — Cowork, Chrome, Excel, Code — ist eine neue Oberfläche für dasselbe Modell. Die Investition in Modellqualität zahlt sich gleichzeitig in jedem Kanal aus. Ein besseres Opus macht gleichzeitig den Chat besser, das Terminal schneller, die Excel-Integration präziser und den Browser-Agenten zuverlässiger. Das ist der Unterschied zu Firmen, die separate Modelle für separate Produkte trainieren.

Der Nachteil: Alles ist geschlossen. Keine Modellgewichte, kein Self-Hosting, keine lokale Verarbeitung. Wer Claude nutzt, ist abhängig von Anthropics Servern, Anthropics Preisen und Anthropics Entscheidungen. Wer das kritisch sieht, findet die Diskussion im letzten Kaffeeklatsch.

Kernerkenntnis

Anthropic baut kein Ökosystem aus vielen Produkten. Anthropic baut ein Produkt mit vielen Fenstern. Das macht die Firma entweder zum effizientesten KI-Unternehmen der Welt — oder zum größten Single Point of Failure.

Frequently Prompted

Für Chat reicht die Web-Version. Für Cowork — also autonome Aufgaben mit Dateizugriff — brauchst du die Desktop-App. Cowork läuft nur lokal auf deinem Rechner. Auch Claude Code funktioniert über die Desktop-App oder das Terminal, nicht im Browser.

Claude Code ist für Entwickler: Terminal, Git, Tests, Deployments. Cowork ist für Wissensarbeiter: Dokumente, Reports, Dateien organisieren, Recherche. Beide nutzen dieselbe agentenbasierte Architektur, aber für unterschiedliche Zielgruppen. Wenn du keinen Code schreibst, brauchst du Cowork. Wenn du codest, brauchst du Claude Code. Beides ist in der Desktop-App.

Max lohnt sich immer. Aber wenn wir vom Claude-Plan reden: Pro reicht für die meisten. Wenn du regelmäßig an Limits stößt — typisch bei langen Vibe-Coding-Sessions, Cowork-Aufgaben oder intensiver Chrome-Nutzung — dann lohnt sich Max 5x für 100 Dollar. Max 20x ist für Power-User, die Claude den ganzen Tag laufen haben. Und falls du den anderen Max meinst — den Gründer von while.coffee — der ist auch ausreichend. Man kann ihn aber auch für Beratung dazubuchen, wenn man sich kennengelernt und Konditionen besprochen hat.

Ja, als eigenständige Extension. Aber die volle Power entfaltet sich mit der Desktop-App: Chrome recherchiert, Cowork produziert fertige Dateien. Ohne Desktop-App bleibt Chrome ein sehr guter Zusammenfasser und Formular-Ausfüller — aber kein vollständiger Agent.

MCP — Model Context Protocol — ist ein offener Standard, mit dem Claude auf externe Datenquellen zugreift. Slack, Notion, Google Drive, Figma, Salesforce. Es ist das Einzige an Claude, das tatsächlich Open Source ist. Und es ist der Grund, warum Claude mehr kann als nur Text verarbeiten — es kann in deinen echten Workflow eingreifen.