WHILE.CHAT·LIFE · Neurowissenschaft·12 MIN·Max Götte
Polyvagaltheorie 2026: Was los ist
life · NeurowissenschaftJuni 202612 Min. LesezeitMax Götte

Polyvagaltheorie 2026: Was los ist

In einfacher Sprache: Diesen Artikel gibt es auch in vereinfachter Sprache, kürzer, ohne Fachbegriffe, mit klaren Sätzen.

// 01 / 09Was im Februar 2026 passiert ist

Ein Architekt veröffentlicht seit dreißig Jahren Baupläne für ein bestimmtes Fundament. Dann erscheint eine Studie mit 39 Mitautoren und sagt: Das Fundament trägt nicht. Der Architekt antwortet in derselben Zeitschrift: Ihr habt die Pläne falsch gelesen.

Genau das ist im Februar 2026 passiert, nur in der Neurowissenschaft.

In der Fachzeitschrift Clinical Neuropsychiatry erscheinen zwei Artikel Rücken an Rücken. Das erste kommt von Paul Großman und 38 internationalen Forscherinnen und Forschern. Ihr gemeinsames Fazit: Die Polyvagaltheorie ist unhaltbar. Das zweite kommt von Stephen Porges, dem Begründer der Theorie. Sein Fazit: Die Kritik ist unhaltbar. Gleiche Zeitschrift. Gleiche Ausgabe. Gegensätzliche Schlussfolgerungen.

Schlagzeilen wie „widerlegt“ und „debunked“ machen seitdem die Runde. Das Problem: Beide Wörter sind zu einfach für das, was hier passiert.

// 02 / 09Was ist die Polyvagaltheorie überhaupt?

Bevor wir zur Kritik kommen, muss klar sein: Worum geht es eigentlich?

Das Drei-Zustands-Modell, eine Ampel für dein Nervensystem

Stephen Porges entwickelte die Polyvagaltheorie (kurz: PVT) in den 1990ern. Die Grundidee lässt sich wie eine Ampel vorstellen, nur mit drei Phasen. Diese Phasen gelten nicht für Autos, sondern für dein gesamtes Nervensystem:

Zustand Was du erlebst Was dein Körper tut Sicherheit & Verbundenheit
Grün Offen, präsent, verbunden Stimme weich, Blickkontakt leicht, Herzschlag ruhig Mobilisierung
Gelb · Kampf/Flucht Angespannt, wachsam, aufgewühlt Herzschlag schnell, Muskeln bereit, Verdauung pausiert Shutdown
Rot · Erstarren Taubheit, Dissoziation, Leere Herzschlag langsam, Bewegung eingefroren, geistige Abwesenheit

Dieses Modell war eine Revolution für die Traumatherapie. Wer vorher bei einem Stressgespräch einfror und „gar nichts fühlte“, hörte plötzlich eine andere Erklärung: Dein Nervensystem schaltet in einen Schutzmodus, nicht weil du dich weigerst zu reagieren, sondern weil dein System das automatisch tut.

Der Vagusnerv, der Nerv, um den alles kreist

Der Vagusnerv (lateinisch: nervus vagus = der „wandernde Nerv“) ist der zehnte Hirnnerv. Er ist außergewöhnlich lang: Er beginnt im Hirnstamm, zieht durch den Hals, verzweigt sich in Herz und Lunge, und endet schließlich in den Bauchorganen. Man nennt ihn manchmal auch „Superhighway zwischen Gehirn und Körper“, er transportiert Signale in beide Richtungen.

Die PVT unterscheidet zwischen zwei „Ästen“ dieses Nervs:

  • Ventraler Vagus (vorne, evolutionär jünger): zuständig für soziale Sicherheit, Kommunikation, Entspannung
  • Dorsaler Vagus (hinten, evolutionär älter): zuständig für Erstarren, Shutdown, Immobilität

Diese Zuordnung ist der Kern, den die 39 Forscher 2026 angreifen.

Weiterlesen: Wie der Vagusnerv durch gezielte Atemtechniken aktiviert werden kann, erklärt der Artikel Physiological Sigh: Die Atemtechnik, die in 5 Minuten wirkt.

// 03 / 09Die fünf Kritikpunkte, was Großman et al. konkret sagen

Das 39-Autoren-Konsensuspapier ist kein pauschaler Verriss. Es benennt fünf sehr spezifische Punkte, an denen die PVT ihrer Meinung nach auf dem falschen Fundament steht.

1. Die Herzschlag-Atemkopplung ist kein Säugetier-Privileg

Was die PVT sagt: Es gibt ein Phänomen namens Respiratorische Sinusarrhythmie (RSA), die natürliche Schwankung des Herzschlags beim Ein- und Ausatmen. Beim Einatmen wird er etwas schneller, beim Ausatmen etwas langsamer. Die PVT behandelt das als etwas Exklusives von Säugetieren, als Zeichen eines evolutionär fortgeschrittenen, sozial fähigen Nervensystems.

Was die Kritiker zeigen: Ähnliche Atemrhythmus-Herzkopplungen gibt es auch bei Reptilien und anderen Wirbeltieren. RSA ist kein Alleinstellungsmerkmal der Säugetier-Evolution.

Alltagsanalogie: Es ist, als würde man behaupten, nur Menschen könnten lachen, und jemand zeigt dann, dass Ratten beim Spielen ein Ultraschall-Äquivalent dazu produzieren.

2. Herzschlag-Variabilität spiegelt nicht direkt den Vagusnerv

Was die PVT sagt: RSA misst direkt, wie aktiv der sogenannte „vagale Brake“ ist, ein Bremsmechanismus des Parasympathikus. Je stärker die Schwankung, desto aktiver der Vagus.

Was die Kritiker zeigen: RSA ist ein zusammengesetztes Signal. Atemtiefe, Blutdruck, Körperlage und andere Faktoren beeinflussen es, nicht nur der Vagus. RSA als direkten Vagus-Spiegel zu lesen, ist wie aus dem Wasserstand eines Sees auf den Regenfall zu schließen: Viele andere Quellen fließen ein.

3. Dorsaler und ventraler Vagus haben keine klar getrennten Aufgaben

Was die PVT sagt: Der dorsale Vagus ist zuständig für Erstarren und Shutdown, der ventrale Vagus für Sicherheit und soziale Interaktion. Scharfe Grenze, klare Aufgabenteilung.

Was die Kritiker zeigen: In der Realität sind die anatomischen und funktionalen Grenzen fließend. Beide Äste innervieren viele der gleichen Organe. Die klare Linie, die die PVT zieht, überfordert die tatsächliche Neuroanatomie.

Alltagsanalogie: Es ist, als würde man behaupten, die linke Hand sei ausschließlich für kreative Aufgaben zuständig und die rechte für logische, dabei sind in der Realität beide Hemisphären des Gehirns an fast allem beteiligt.

4. Reptilien können sozial sein

Was die PVT sagt: Reptilien sind evolutionär primitive Wesen mit wenig sozialem Verhalten. Ihr Nervensystem reagiert primär mit Immobilität. Säugetiere entwickelten einen neuen, sozial fähigen Vagus, der komplexere Interaktion ermöglicht.

Was die Kritiker zeigen: Reptilien zeigen Paarbindung, kooperatives Jagdverhalten und andere soziale Muster. Das „Reptilien gleich sozial-blind“-Bild ist eine Übervereinfachung, die biologisch nicht haltbar ist.

5. Traumatisches Erstarren kommt nicht nachweislich vom dorsalen Vagus

Was die PVT sagt: Traumatischer Shutdown, das Einfrieren und Dissoziieren in Extremsituationen, werde über den dorsalen Vagus organisiert. Das Erstarren ist eine uralte biologische Schutzreaktion, die durch diesen spezifischen Nervenpfad vermittelt wird.

Was die Kritiker zeigen: Die Evidenz hierfür ist lückenhaft. Zu viel wird aus Tiermodellen auf den Menschen übertragen, ohne ausreichende direkte Belege. Der Freeze-Zustand existiert, aber der behauptete Mechanismus ist nicht ausreichend belegt.

Weiterlesen: Wie das Gehirn in Schutzmodi schaltet und wie Neuroplastizität helfen kann, neue Muster zu verankern, erklärt Erwachsen ist ein Foto, kein Zustand: Warum dein Gehirn nie fertig wird.

// 04 / 09Was Porges antwortet, „Ihr kritisiert eine Theorie, die ich nie aufgestellt habe“

Porges' Replik trägt den Titel „When a Critique Becomes Untenable“. Sein Kernargument ist nicht: „Eure Daten sind falsch.“ Es ist: „Ihr habt meine Theorie falsch verstanden.“

Großman et al., so Porges, würden eine vereinfachte Proxy-Version der PVT angreifen, eine popularisierte, verkürzte Fassung, die in Büchern und Therapie-Ausbildungen kursiert, nicht die Originalformulierung aus wissenschaftlichen Publikationen.

Drei weitere Argumente von Porges:

  1. Anatomie ≠ Physiologie: Die Kritiker verwechseln wo etwas im Körper ist (Anatomie) mit was es tut (Physiologie). Die PVT mache in erster Linie Aussagen über Funktion, nicht über exklusive anatomische Strukturen.
  2. Bekannte Antworten ignoriert: In einem historischen Anhang zeigt Porges, dass einige Kritikpunkte bereits vor fast zwanzig Jahren von ihm adressiert wurden, und jetzt erneut als frische Kritik erscheinen. Er nennt das „persistent failure of representational uptake“, höfliches Akademiker-Englisch für: Die Kritiker lesen meine Antworten nicht.
  3. Keine Alternative angeboten: Großman et al. erklären die PVT für unhaltbar, bieten aber keine vergleichbar umfassende Theorie autonomer Zustände an. Wer eine Karte verbrennt, sollte eine bessere dabei haben.

// 05 / 09Zwanzig Jahre Vorgeschichte, von Co-Autoren zu Gegnern

Diese Debatte fällt nicht vom Himmel. Sie hat eine fast zwanzigjährige Geschichte, die man kennen muss, um die aktuelle Auseinandersetzung einzuordnen.

  • 1997: Großman und Porges stehen gemeinsam als Co-Autoren auf einem wegweisenden Artikel über Herzratenvariabilität (HRV), einem der meistzitierten Texte der Psychophysiologie.
  • Mitte der 2000er: Großman beginnt, die PVT systematisch zu kritisieren, zunächst mit Kollegen, dann mit zunehmender Schärfe.
  • 2023: Großman ist Gastherausgeber eines Sonderhefts mit mehreren PVT-kritischen Artikeln. Wikipedia wird angepasst: Die PVT gilt seitdem als „weitgehend widerlegt“. Versuche, diese absolute Formulierung zu mildern, werden von Editoren wiederholt zurückgesetzt.
  • 2024: Auf Deutsch erscheint „Die schöne Theorie und die hässlichen Fakten“ von Walz und Großman im Psychosozial-Verlag.
  • Februar 2026: Das 39-Autoren-Konsensuspapier, die bisher lauteste Salve in einem fast zwanzigjährigen, persönlich aufgeladenen Streit.

Wichtig dabei: Beide Seiten haben eigene Interessen. Großman verfolgt seit zwei Jahrzehnten das Projekt, die PVT zu widerlegen. Porges verteidigt eine Theorie, die er selbst begründet hat, und an der er kommerziell beteiligt ist (Stichwort: Safe and Sound Protocol, Polyvagal Institute). Bis Anfang 2026 wurde die PVT über 66.000 Mal in wissenschaftlichen Artikeln zitiert. Das sind keine Zahlen einer Außenseitertheorie. Und keine Zahlen einer gesicherten Wahrheit.

// 06 / 09Was Therapeuten sagen, „Significant, not sacred“

Aus der klinischen Community kommt eine bemerkenswert einheitliche Reaktion: Die Übungen funktionieren. Die Erklärung ist umstritten. Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Das Trauma Therapist Institute formuliert es so: „Significant, not sacred“, bedeutsam, aber nicht unantastbar.

Vor der PVT fehlte vielen Therapeutinnen und Therapeuten eine körperliche Sprache für das, was mit Klienten in Krisen passiert. Wer in einer Panikattacke einfror, hörte früher oft: „Du überreagierst.“ Mit der PVT hörten dieselben Menschen: „Dein Nervensystem ist in einem Schutzmodus.“ Dieser Perspektivwechsel hat die Traumatherapie verändert, und er steht oder fällt nicht mit der Frage, ob die Zuordnung „dorsaler Vagus = Freeze“ neuroanatomisch stimmt.

Ein klinischer Psychologe schreibt im März 2026 in Psychology Today: „I am not ready to abandon PVT, not due to blind loyalty.“ Er sieht die Debatte als wissenschaftlich offen, nicht als entschieden.

Weiterlesen: Welche fünf wissenschaftlich fundierten Alternativen zur PVT es für Therapeuten gibt, erklärt Jenseits der Polyvagaltheorie: 5 Modelle, die Therapeuten 2026 nutzen können.

// 07 / 09Warum Atemübungen trotzdem funktionieren

Das ist der Punkt, der für die meisten Menschen am wichtigsten ist. Die physiologischen Mechanismen hinter Atemübungen, Vagusnerv-Stimulation und Ko-Regulation sind unabhängig von der PVT gut belegt.

Mechanismus 1: Der Barorezeptor-Reflex

In der Aorta (Hauptschlagader) und in der Halsschlagader sitzen Drucksensoren, sogenannte Barorezeptoren. Bei jeder Ausatmung, wenn der Blutdruck leicht abfällt, senden sie parasympathische Signale ans Herz und bremsen es leicht ab.

Das ist keine PVT, das ist seit Jahrzehnten dokumentierte Grundlagenphysiologie. Tief und langsam ausatmen aktiviert diesen Reflex zuverlässig.

Mechanismus 2: Vagale Afferenzen, der Körper spricht zum Gehirn

Hier liegt ein häufiges Missverständnis: Die meisten Menschen stellen sich den Vagusnerv als eine Einbahnstraße vom Gehirn zum Körper vor. In Wirklichkeit ist er zu etwa 80% eine Aufwärtsbahn, das heißt, er leitet Signale vom Körper zum Gehirn.

Diese aufsteigenden Signale aus Herz, Lunge und Bauchorganen modulieren direkt die Hirnstamm-Aktivität, und damit Stimmung, Erregungsniveau und Stressreaktion. Das braucht keine PVT als Rahmen.

Mechanismus 3: Atem-Herz-Kopplung trainierbar

Die Stanford-Studie von Balban et al. (2023) testete verschiedene Atemübungen in einem randomisierten Design. Ergebnis: Fünf Minuten Cyclic Sighing täglich (ein verlängertes Ausatmen mit Doppeleinatemzug) senkt chronischen Stress stärker als Meditation. Die Studie erwähnt die PVT nicht als theoretischen Rahmen. Die Wirkung steht auf eigenen Beinen.

Weiterlesen: Die genaue Technik des Cyclic Sighing mit Schritt-für-Schritt-Anleitung: Physiological Sigh: Die Atemtechnik, die in 5 Minuten wirkt.

Was stattdessen koordiniert, das Periaquäduktale Grau

Liem und Neuhuber (2021) bringen in ihrer Kritik einen wichtigen Hinweis: Der Vagusnerv ist ein wichtiger Faktor, aber wahrscheinlich nicht der alleinige Koordinator der Zustände, die die PVT ihm zuschreibt.

Das periaquäduktale Grau (PAG), ein Hirnstamm-Bereich, der unter anderem Schmerzmodulation, Vokalisation und Defensivverhalten reguliert, koordiniert zusammen mit dem limbischen System und anderen Netzwerken jene Verhaltenszustände, die die PVT dem Vagus allein zuschreibt.

Weiterlesen: Wie die Amygdala von einem einzigen Wort beruhigt werden kann, der Affect-Labeling-Effekt: Name it to Tame it: Wie ein einziges Wort deine Amygdala beruhigt.

Die Karte ist falsch, aber die Straßen existieren. Die physiologischen Mechanismen hinter den Übungen sind gut belegt, unabhängig davon, ob die PVT-Landkarte in jedem Detail stimmt.

// 08 / 09Was das für dich bedeutet

Wenn du Klient oder Betroffene bist

Deine Erfahrungen mit Atemübungen, Körperwahrnehmung und körperorientierten Therapieansätzen sind real. Die Übungen haben eine eigenständige Evidenzbasis. Sie wirken über Barorezeptoren, vagale Afferenzen und Atem-Herz-Kopplung. Was sich ändern kann: Vorsicht bei simplen Narrativen wie „dein dorsaler Vagus hat dich in den Freeze geschickt“. Das Drei-Zustands-Modell (grün/gelb/rot) bleibt als Orientierung nützlich.

Wenn du Therapeut oder Fachperson bist

Du kannst die PVT als klinisches Modell weiter einsetzen, aber transparent als Heuristik (ein nützliches Arbeitsmodell, kein anatomisches Lehrbuch). Was wackelt, ist die exakte Zuordnung zu einzelnen Vaguskernen. Was stabil bleibt: die Arbeit mit Sicherheitssignalen, Ko-Regulation und Zustandswahrnehmung.

Weiterlesen: Fünf wissenschaftlich fundierte Alternativen, von Window of Tolerance bis Interoception-basierte Ansätze: Jenseits der Polyvagaltheorie: 5 Modelle, die Therapeuten 2026 nutzen können.

Wenn du Polyvagaltheorie gerade zum ersten Mal recherchierst

Schlagzeilen wie „debunked“ und „widerlegt“ sind Einstiege, keine Endpunkte. Die wissenschaftliche Debatte ist offen, nicht entschieden. Großmans kategorische Verneinung ist nach aktuellem Stand ebenso wenig vollständig haltbar wie Porges' ursprüngliche Formulierungen in jedem Detail.

// 09 / 09Wie Therapeuten heute anders sprechen können

Die Kritik verändert nicht die Praxis, aber die Sprache. Wer PVT-Konzepte nutzt, kann dieselben klinischen Werkzeuge einsetzen, ohne neuroanatomische Behauptungen aufzustellen, die nicht mehr haltbar sind.

Bisherige Formulierung Aktualisierte Alternative Warum besser „Dein dorsaler Vagus hat dich in den Freeze geschickt“ „Dein Nervensystem hat in einen Schutzmodus geschaltet“ Beschreibt den Zustand ohne unbelegte Anatomie „Dein ventraler Vagus ist aktiv, deshalb fühlst du dich sicher“ „Dein Körper sendet gerade Sicherheitssignale, das spürst du als Ruhe“ Gleiche klinische Wirkung, ohne Vagusast-Zuordnung „Die Polyvagaltheorie erklärt, warum du erstarrst“ „Erstarren ist eine automatische Schutzreaktion deines Nervensystems“ Enthält keine widerlegten Kausalbehauptungen „Du bist auf der Polyvagal-Leiter abgerutscht“ „Dein Nervensystem reagiert gerade auf Bedrohung, das ist normal und schützend“ Normalisiert ohne vereinfachte Metapher „Wir müssen deinen Vagusnerv aktivieren“ „Atemübungen können deinem Nervensystem helfen, sich zu regulieren“ Funktional korrekt, nicht mechanistisch überspezifiziert

Das Muster: weg von spezifischen Vagusnerv-Zuordnungen, hin zu allgemeineren, aber ebenso hilfreichen Formulierungen über Nervensystem-Zustände. Die klinische Wirksamkeit bleibt. Was sich ändert, ist der Anspruch auf anatomische Präzision.

Häufige Fragen

Quellen

  • Großman, P. et al. (2026). Why the polyvagal theory is untenable. Clinical Neuropsychiatry, 23(1), 100–112.
  • Porges, S. W. (2026). When a Critique Becomes Untenable: A Scholarly Response to Großman et al. Clinical Neuropsychiatry, 23(1), 113–128.
  • Porges, S. W. (2025). Polyvagal Theory: Current Status, Clinical Applications, and Future Directions. Clinical Neuropsychiatry, 22(3), 175–191.
  • Großman, P. (2023). Fundamental challenges and likely refutations of the five basic premises of the polyvagal theory. Biological Psychology, 180, 108589.
  • Giroux, C. (2023). Polyvagal Approaches: scientifically questionable but useful in practice. Journal of Psychiatry Reform.
  • Trauma Therapist Institute (2026). Significant, Not Sacred: A Clinical Educator's Response to Großman. traumatherapistinstitute.com
  • Chen, A. (2026). A Clinician's Perspective on the Polyvagal Controversy. Psychology Today.
  • Liem, T. & Neuhuber, W. (2021). Kritik an der Polyvagaltheorie. Deutsche Zeitschrift für Osteopathie, 19, 34–37.
  • Balban, M. Y. et al. (2023). Brief Structured Respiration Practices Enhance Mood and Reduce Physiological Arousal. Cell Reports Medicine, 4(1), 100895.
  • Walz, G. & Großman, P. (2024). Die schöne Theorie und die hässlichen Fakten. Psychosozial-Verlag.
  • Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind. Einführung des Window-of-Tolerance-Konzepts.
  • Craig, A. D. (2002). How do you feel? Interoception: the sense of the physiological condition of the body. Nature Reviews Neuroscience.

Dieser Text dient der wissenschaftlichen Einordnung einer aktuellen Debatte. Er ersetzt keine therapeutische Beratung.

// micro-journal

Wann hat dein Nervensystem zuletzt in einen Schutzmodus geschaltet?

Ein Satz reicht. Das Journal bleibt lokal in deinem Browser — kein Konto, kein Server.

notierenMG

Max Götte

SEO Strategist · Founder · while.chat

SEO-Berater aus Bochum. Schreibt über Psychologie, Neurowissenschaft und das, was zwischen Forschung und Alltag passiert. Kein Newsletter (noch nicht), aber erreichbar per Mail.

about → hello@while.chat mehr kaffeeklatsch

FAQ

Ist die Polyvagaltheorie 2026 widerlegt?

Nicht im wissenschaftlichen Sinne von „definitiv falsifiziert“. 39 Forscher halten zentrale neuroanatomische Annahmen für unhaltbar. Porges widerspricht. Die Debatte ist offen. Die klinische Anwendbarkeit des Modells, also die Arbeit mit Sicherheit, Ko-Regulation und Zustandswahrnehmung, wurde nicht widerlegt.

Soll ich aufhören, Atemübungen zu machen?

Nein. Atemtechniken wie das Cyclic Sighing wirken über eigenständig belegte Mechanismen, Barorezeptor-Reflex, vagale Afferenzen, Atem-Herz-Kopplung. Diese Evidenz ist von der PVT-Debatte völlig unberührt. Hier erklärt: Physiological Sigh.

Was ist der Unterschied zwischen Sympathikus und Parasympathikus?

Der Sympathikus ist das Gaspedal: Er aktiviert, beschleunigt, bereitet auf Aktion vor. Der Parasympathikus ist die Bremse: Er beruhigt, regeneriert, verdaut. Der Vagusnerv ist der wichtigste Parasympathikus-Nerv. Beide Systeme arbeiten ständig gleichzeitig, wie Gaspedal und Bremse beim Autofahren in der Stadt.

Was bedeutet „RSA“ und warum ist das relevant?

RSA steht für Respiratorische Sinusarrhythmie, die natürliche Schwankung des Herzschlags beim Atmen. Beim Einatmen beschleunigt er leicht, beim Ausatmen verlangsamt er sich. Je größer diese Schwankung, desto stärker gilt der Parasympathikus als aktiv. Die PVT nutzte RSA als direkten Vagus-Marker, genau das bestreiten Großman et al.: RSA misst nicht den Vagus allein, sondern viele Faktoren gleichzeitig.

Was ist Neuroception?

Neuroception ist die unbewusste Sicherheitsbewertung durch dein Nervensystem. Es passiert unterhalb deiner bewussten Wahrnehmung: Das Nervensystem scannt Umgebung, Stimmen, Blickkontakt und Körpersignale und entscheidet in Millisekunden, sicher oder bedrohlich? Das erklärt, warum du manchmal „ohne Grund“ ängstlich wirst: Dein Nervensystem hat etwas registriert, bevor dein bewusstes Denken einsetzte. Das Konzept stammt aus der PVT, lässt sich aber ohne die spezifischen Vagusnerv-Zuordnungen nutzen.

Was ist Ko-Regulation?

Ko-Regulation bedeutet: Nervensysteme regulieren sich gegenseitig. Wenn du mit einer ruhigen, sicheren Person zusammen bist, und ihre Stimme, ihr Gesicht, ihre Körpersprache signalisieren Sicherheit, dann passt sich dein Nervensystem unbewusst an. Das ist kein Zufall und keine Einbildung. Es ist ein dokumentiertes Phänomen in der Säuglingsforschung (Mutter-Kind-Bindung) und in der Erwachsenentherapie. Ko-Regulation funktioniert unabhängig davon, ob die PVT ihre neuroanatomische Erklärung korrekt beschreibt.

Was ist der Unterschied zwischen Window of Tolerance und Polyvagaltheorie?

Das Window of Tolerance (Daniel Siegel, 1999) beschreibt Erregungszustände auf einem Kontinuum: Hyperarousal (zu viel: Panik, Wut) oben, Hypoarousal (zu wenig: Taubheit, Dissoziation) unten, optimale Zone in der Mitte. Es macht keine neuroanatomischen Zuordnungen. Die PVT macht genau das, und dort liegt die Kritik. Das Window of Tolerance ist eine Alternative, die klinisch ähnlich funktioniert, aber weniger belastbare Behauptungen aufstellt. Mehr dazu: 5 Alternativen zur PVT.

Wer hat Recht, Großman oder Porges?

Wahrscheinlich keiner vollständig. Großmans kategorische Ablehnung aller PVT-Prämissen ist nach aktuellem Forschungsstand ebenso wenig haltbar wie Porges' ursprüngliche Formulierungen in jedem Detail. Beide Seiten haben seit zwanzig Jahren persönliche und fachliche Investitionen in ihre Position. Die wissenschaftliche Realität liegt in der Mitte, und die Praxis kommt damit gut zurecht.

Darf meine Therapeutin weiterhin mit PVT-Konzepten arbeiten?

Ja, solange sie es als Arbeitsmodell und Heuristik einsetzt, nicht als gesicherte Neuroanatomie. Das Drei-Zustands-Modell hilft vielen Klienten, ihre Zustände zu verstehen. Das ist klinisch wertvoll, auch wenn die exakte biologische Zuordnung revidiert werden muss. Eine gute Therapeutin wird das in ihrer Sprache ohnehin schon berücksichtigen.